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Oh jemine! Aber was soll man sagen, früher oder später musste das ja passieren. Alles Gute hat auch ein Ende. Jetzt guckt nicht alle wie ein Rudel getretener Hunde! Dreht einfach das Rad und wir reden nicht weiter drüber! Hm? Ach, stimmt, das ist ja meine Aufgabe ... Oh, lasst es gut sein! Das berührt mich sehr! Und los geht’s ... Oho! Das nenne ich mal eine Glanzleistung zum Abschluss ... Mein kleiner Liebling ... Ihr habt es sicherlich schon erraten: Unser werter Kerubim Crispinus wird heute für uns den Vorhang schließen!

Die heutige Geschichte ist von Anfang bis Ende die reine Wahrheit. Das könnt ihr mir glauben: Ich war selbst dabei! Und jetzt sagt ihr bestimmt alle gleich: „Na klaaaaaaaar, aber du bist ja eh IMMER bei ALLEM dabei, bla bla bla ...“ Also, erstens verbitte ich es mir schon mal, dass ihr mich duzt (meines Wissens haben wir ja noch nicht aus demselben Schälchen MiMilch getrunken), und zweitens ... Sagen wir mal, dass ich diesmal eine entscheidende Rolle gespielt habe.

Packt schon mal eure Taschentücher aus, denn die Geschichte, die ich euch nun erzählen werde, wird selbst die Härtesten unter euch zu Tränen rühren. Sie hat sich vor sehr langer Zeit ereignet. Ich entführe euch also zu einem jungen Kekeck, der noch MiMilch an der Schnauze hat, und zu seinem treuen Freund Bashi. Was die beiden vereint? Die Lust auf Abenteuer. Das und Dummheiten aller Art!

Zu jener Zeit hatte der Gute noch nicht die Quest der zwei Morgen vollendet. Wisst ihr es nicht mehr? Diese Sache, bei der er mich mit seinem unglaublichen Wagemut hinters Licht geführt hat! Damals wusste ich noch nicht, welche Überraschungen mich noch erwarteten ...

An jenem Morgen lässt Kerubim Steine über das Wasser am Hafen von Madrestam hüpfen. Am Vortag war es ihm gelungen, sein Steinchen bis ans andere Ufer springen zu lassen. Ein Erfolg, den Bashi leider verpasst hatte. Und seitdem trainiert er nun, um diese großartige Tat erneut vor den Augen seines Kumpels vollbringen zu können. Kerubim liebt es, Eindruck zu schinden. Und er liebt große Erfolge ... Egal welcher Art. Egal um welchen Preis.

„Kekeck! Kekeck!“

Bashi kommt angelaufen, ganz außer Atem.

„Was ist denn mit dir passiert, Kumpel? Beruhig dich erst mal, deine Kiemen flattern ja!“
„Du ... uff ... Du ma... uff ... Du magst doch Abenteuer ... uff ... oder nicht?“

Der kleine Hai steht vorgebeugt da, mit den Händen auf den Knien, und kommt kaum wieder zu Atem. Er ist so aufgeregt wie ein FroFloh.

„Was für eine bescheuerte Frage! Das ist so, als würde ich dich fragen, ob du Rabmarac magst!“
„Na klar, total! Aber egal. Ich muss dir eine super Sache vorschlagen! Hast du schon mal vom Monster von Croc Ness gehört?“
„Na logo, pff ... Im Tempel redet man über nichts anderes! Die Priester gehen uns ununterbrochen damit auf den Geist, wie hyper-mega-giga-gefährlich das Monster ist und dass wir ihm bloß aus dem Weg gehen sollen und dass jeder, der sich den Sümpfen von Amakna nähert, dazu verdonnert wird, zehn Tage lang das Katzenklo sauber zu machen.
„Igitt ... Voll eklig! Aber gut ... Ich weiß, wie man das Monster findet! Ich hab zwei Typen darüber reden gehört, als ich mit meinem Vater auf dem Markt war.“
„Voll gut! Dann mal los, oder?“
Reusty, ein junger Ecaflip, der etwas älter ist als Kerubim und der im Tempel Kurse im Chinq-Spiel gibt, kommt gerade vorbei.

„Na? Was stellt ihr denn jetzt an, Jungs?“ 
„Wir werden das Monster von Croc Ness fertigmachen!“, posaunt Kerubim hinaus, ohne erst nachzudenken.
„Was? Ihr seid ja wohl bekloppt! Habt ihr nicht gehört, was die Priester gesagt haben?“
„Oh, noch so einer! Guck mal, wie viel Schiss der hat!“
„Das Ding ist zehn Kameter groß und sein Kiefer ist dreimal so riesig wie der von einem Crocodylll! Das wird euch auffressen, ihr Vollhonks!“
„Pah, ich hab keine Angst! Ich bin bereit dafür! Ich hab schon fast meine Lehre abgeschlossen“, beteuert Kerubim stolz.
„Bereit? Selbst ich bin dafür nicht bereit! Pass auf, Kekeck, du hast es so eilig, dass du nicht mit heilem Fell davonkommen wirst ...

Der junge Eca zuckt mit den Schultern und sieht zum Himmel auf.

„Komm schon, Bashi, was interessiert uns dieser große Angstkater ... Auf uns warten Ruhm und Ehre!“
„Du wirst ganz schön dumm gucken, wenn wir in allen Zeitungen stehen!“

„Stimmt, ihr kommt garantiert in die Zeitung! Und zwar in den Nachrufen!“, schreit Reusty den beiden Freunden hinterher, die davonschlendern und dabei laut prahlen.

Viele halten das Monster von Croc Ness für eine Legende. Nur wenige können damit angeben, dass sie auch nur seine Schwanzspitze erblickt haben. Und wisst ihr auch, warum? Weil sie in der Regel mit Haut und Haar verschlungen werden, bevor sie irgendjemanden warnen können. Stellt euch mal eine Echse vor, die dreimal so groß ist wie ein Krachler! Dann fügt noch ein Maul hinzu, auf das Grozilla neidisch wäre, und darin zwei Reihen messerscharfer Reißzähne. All das steht auf zwei riesigen Schwimmfüßen, die einen zu einem Pfannkuchen plätten können, und dazu kommt ein endlos langer Schwanz, mit dem das Monster in jeder Situation das Gleichgewicht behält. Und über seinen Gestank will ich gar nicht erst reden – schon bei dem Gedanken wird mir ganz anders ...

So brechen unsere zwei kleinen Freunde also auf, entschlossen, sich trotz der Warnungen diesem schrecklichen Monster zu stellen, bewaffnet einzig mit einem Mülleimerdeckel aus Metall, der ihnen als Schild dient, und einem Schwert aus Aluminium und Pappmaché ... Die Vorstellung, zu den nächsten großen Helden zu werden, über die man in zehn Jahren noch sprechen wird, steigt ihnen zu Kopf, und so verbringen sie den gesamten Tag damit, einen ausgeklügelten Plan zu schmieden und sich davon zu überzeugen, dass sie dieser Aufgabe gewachsen sind. Nachdem sie also abgehauen sind, finden sie sich am späten Nachmittag am Rand der Sümpfe von Amakna ein, wo sie in den letzten Sonnenstrahlen des Tages die Details ihrer Expedition ausfeilen und sich dabei mit Rabmarac vollstopfen, damit sie auch genug Kraft haben werden.

„Wir sind uns also einig: Im Westen des Koalak-Gebirges biegen wir am Baum, der wie ein Lenald aussieht, links ab, und dann geht es nach Norden weiter in die Übelriechenden Sümpfe und ...
BUMM! Ein saftiger Schlag auf den Kopf und der Ruhm gehört ganz uns!“, ruft Kerubim begeistert.

Ihr ahnt es sicherlich schon ... Kerubim und Bashi werden nicht aufgefressen, sobald sie dem Monster gegenüberstehen. Auch wenn das Schicksal unserer beiden Freunde bereits besiegelt scheint (und direkt zum Friedhof von Amakna führen sollte), stellt sich das Glück plötzlich auf ihre Seite. Als Bashi hoch in der Luft hängt, gehalten von der Schwanzspitze des Croc Ness, das ihn gerade mit weit aufgerissenem Maul verschlingen will, gestikuliert er wie wild vor den hilflosen Augen von Kéké. Und plötzlich wird dieser von einem genialen Einfall gepackt.

„Dein Schild, Bashi! Drehe ihn nach links! Jaaaa! Genau so! Perfekt!“

Die letzten Sonnenstrahlen, die gerade vom Himmel scheinen, treffen auf Bashis behelfsmäßigen Schild und blenden das Monster, sodass es den entscheidenden Stoß gar nicht kommen sieht: einen absolut meisterhaften (oder einfach nur waghalsigen?) Angriff von Kerubim. Dieser wirft sein Schwert, das so auf den Schwanz des Monsters trifft, dass dieser in einem Schlag abgehackt wird und Bashi in die Übelriechenden Sümpfe hinabfällt.

Entgegen jeglicher Erwartungen schaffen unsere zwei kleinen Abenteurer in ihren kurzen Hosen es an jenem Tag, dem werten Croc Ness eine ganz schöne Abreibung zu verpassen. Dieses Monster, das in der ganzen Welt der Zwölf gefürchtet wird und das die meisten vor allem für eine Legende halten, die man sich an dunklen Abenden als Gruselgeschichte erzählt, bekommt eins ausgewischt von zwei Kindern, die kaum einen Kameter groß sind Wie soll man nach einem solchen Sieg nicht übermütig werden?

„Wow! Hast du gesehen, wie wir das Monster fertiggemacht haben? Hahaha!“
„Echt krass! Das war viel zu einfach! Ich wusste gar nicht, dass dein Schwert magisch ist!“
„Ahm ... Ich auch nicht ...“, sagt Kerubim und sieht sich die Klinge neugierig genauer an.
„Aha ... Na gut. Auf jeden Fall war das schon richtig, dass wir nicht auf diesen Feigling Reusty gehört haben!“
„Total!  Diese Alten wollen uns doch eh immer nur verbieten, das zu machen, was wir wollen!“

Schlammverschmiert und umgeben von einem Gestank, der an Bwork-Füße nach einem Brâk’Marathon erinnert, beglückwünschen Kekeck und Bashi sich unentwegt und genießen ihren Erfolg mit der typischen Sorglosigkeit und Naivität von Lehrlingen in diesem Alter.

Mittlerweile ist die Nacht eingebrochen und es wäre zu gefährlich, jetzt noch nach Hause zurückzukehren. Also beschließen die beiden Freunde, mitten im Wald ein Lager zu errichten.

Der Vollmond bildet einen perfekten Kreis. Es scheint, als wollte er vom Himmel herab einen Scheinwerfer auf diese beiden zukünftigen Abenteurer lenken ... Nachdem sie sich bestimmt ein Dutzend Mal jedes noch so kleine Detail ihres Triumphs erzählt haben, bis ihre Egos noch weiter aufgeblasen sind, schlafen die beiden Freunde endlich ein. Ohne auch nur zu ahnen, welche Panik in genau diesem Moment im Ecaflip-Tempel und bei Bashis Familie herrscht ...
 

„SCHLÜÜÜÜÜRF!“

Am nächsten Tag erwacht der kleine Hai bei Morgengrauen unter der Zunge eines Boos. Er macht ein Auge auf und springt dann erschrocken auf.

„AAAAAH!!“
„Oh! OH! Beruhig dich, Bashi! Das war nur ein ganz kleiner Boo und jetzt ist er weg! Du hast ihm Angst gemacht ...“
„Wie schrecklich!“
„Sag mal, geht’s noch? Was ist denn mit dir los, Kumpel?“
„Aber ... Was machst du denn hier? Wo ist Kekeck hin?“
„Bist du völlig übergeschnappt, Bashi?! Ich bin doch Kekeck! Erkennst du mich nicht?“

Bashi zuckt zurück, sein Gesicht vor Angst verzerrt.

„Warum guckst du denn so ... Man könnte meinen, du hast ein Phantöffelchen gesehen ...“
„Schlimmer ... Atch...“
„Was? Was heißt hier Atch? Hatschu oder was? Was hast du denn?“

Verdutzt reicht der kleine Hai seinem Freund den Schild.

„Schau ... Schau dich mal an, Kekeck.“

In dem verzogenen und matten Metall sieht Kerubim ein gleichermaßen verschwommenes wie verzerrtes Spiegelbild. Nichtsdestotrotz besteht kein Zweifel daran, was seine Augen da erblicken ...

AAAAH!!! MEINE HAARE! MEIN WUNDERSCHÖNES FELL!! WO SIND MEINE HAARE?

Der kleine Eca wirft seinem Freund einen flehenden Blick zu.

„Sag mir, dass das ein Albtraum ist ... Alles, bloß nicht das!“
„Ich ... Ich glaube nicht, nein ...“ Bashi deutet mit einer Kopfbewegung auf den Boden.

Um sie herum liegen glänzend weiße Büschel im taufeuchten Gras verstreut. In den Augen vieler Ecaflips ist ein gesundes Fell absolut entscheidend. Kerubim, dessen Fell außergewöhnlich dicht und seidig war und ihm nichts als Bewunderung und Respekt einbrachte, ist besonders stolz auf seines. 

Zumindest war er das ... Der junge Ecaflip senkt den Kopf und fängt an zu schreien. Er kann dieses Massaker nicht mit ansehen. Es ist also wahr ... Er ist so nackt wie eine Shin-Larve!

„Wasss soll dasss denn? HÄ?!

Als er den Klang seiner Stimme hört, reißt Kerubim die Augen weit auf und schlägt sich entsetzt die Pfoten vors Maul. Warum lispelt er plötzlich?!

„Ich fass es nicht ... Du hast dich verwandelt ...“
„Dasss issst doch nicht möglich! NEIN! BLOSSS DASSS NICHT!“
„IN ATCHAM!

Kerubim tastet schnell seine Wangen mit seinen Pfotenballen ab, beugt dann den Kopf zu seinem Oberkörper und seinen Hinterpfoten hinab, verrenkt sich, bis er seinen völlig nackten Schwanz sehen kann. Beim Anblick und dem Gefühl seiner Haut verzieht er das Gesicht zu einer angeekelten Grimasse.

„Wasss isst dasss? Wasss passsiert mit mir, Bashi?“
„Das ist echt furchtbar! Du siehst ja so hässlich aus!“
„Aber dasss bleibt doch nicht immer sssooo, oder?“
„Vielleicht wächst es ja wieder nach und ... Vielleicht hast du was Schlechtes gegessen! Und … Und … Argh, das ist einfach so widerlich!“
„Ich bin mir sssicher, dasss dasss Reustys Schuld ist! Weissst du noch? Er hat gesssagt, dasss ich nicht mit heilem Fell davonkommen werde!“
„Ha! Stimmt! Meinst du, dass er dich verflucht hat?“
„Dasss kann nur er gewesssen sssein!“

Kerubim ist völlig von der Rolle. Er kann einfach nicht verstehen, was ihm da widerfahren ist. Am Vortag hat er sich in die Ränge der tollkühnen, siegreichen Helden aufgeschwungen. Und heute lebt er in der Shukrust auf Erden ...

„Meinssst du, dasss ich ssso bleiben werde?“
„Hoffentlich nicht, du siehst echt krank aus, Kekeck!“
„Wie kann man ssso viel Pech haben!!“, jammert der kleine Eca und lässt sich entmutigt ins Gras fallen.

Nach ein paar Stunden sieht Kerubim mehr und mehr aus wie sein Bruder Atcham. Bashi traut sich kaum noch, seinen Freund zu trösten, so abstoßend sieht er nun aus. Innerhalb einer Nacht sind die schlimmsten Albträume des Ecaflip auf einen Schlag wahr geworden. Zuerst verlor er sein wunderschönes Fell, auf das er so stolz gewesen war und das alle anderen immer neidisch gemacht hatte. Darunter auch Atcham. Und überhaupt, auszusehen wie der, das ist grauenhaft genug. Und dann auch noch die Zurückweisung von Bashi, der ihm doch so viel bedeutet ... Das ist wirklich riesiges Pech ...

Auf einmal gerät er in Rage und sein Zorn sucht sich das erstbeste Ziel: Bashi.

„Dasss issst allesss deine Schuld! Du hassst mich gezwungen, mit dir herzukommen!“
„Ist das ein Scherz? Du hast sie doch nicht mehr alle! Wir wollten das beide machen!“
„Wenn du mir dasss nicht erzählt hättessst, wäre ich nie hier gewesen!“
„Jetzt gehst du aber zu weit! So viel zum Thema allerbeste Freunde!“

Wütend stampft der kleine Hai von dannen und lässt seinen Freund allein.

Kerubim versteht es einfach nicht. Was hat er bloß getan, um dieses Schicksal zu verdienen? Da kommt ihm der Gedanke, ein paar Tage lang allein im Wald zu leben. Vielleicht muss er einfach abwarten, bis der Zauber wieder verschwindet? Schließlich würde der ihn irgendwann in Ruhe lassen! Und wenn nicht ...? Und wenn ihm kein einziges Haar nachwachsen würde? Müsste er dann sein ganzes Leben mit diesem scheusssssslichen Sprachfehler verbringen? Müsste er sich für immer in diesem Wald verkriechen?

Die Vorstellung, seine Freunde nie wieder zu sehen, bricht ihm das Herz. Dazu kann er sich nicht durchringen. Er nimmt sein Herz in die Pfote und beschließt, sich der Wirklichkeit zu stellen und zum Tempel zurückzukehren, um den Priestern und seinen Kumpanen zu erklären, was passiert ist.

Unterwegs versucht der kleine Eca, bloß nicht aufzufallen ... Er versteckt sein Gesicht unter einer Kapuze, die er notdürftig aus einem alten Tuch aus dem Mülleimer gebastelt hat – und die früher oder später Aufmerksamkeit erregt. Und MüMückchen anzieht ... Der junge Ecaflip wird überwältigt von all diesen Blicken, die auf ihm lasten. Er verfällt in pures Selbstmitleid.

„Dasss issst einfach ssso ungerecht ...“

Da seine Kapuze sein Sichtfeld einschränkt und er zu sehr in Gedanken vertieft ist, verirrt Kerubim sich. Langsam wird es dunkel. Als ihm nichts anderes übrig bleibt, als erneut unter freiem Himmel zu schlafen, sucht er sich einen einigermaßen bequemen Flecken Gras. Auf dem Rücken ausgestreckt bewundert Kerubim nun also das Himmelsgewölbe, das ihm ein so wunderbar poetisches Spektakel bietet. Ein Wolkenballett aus manchmal unerwarteten Formen. Wie die eines Fresssacks mit zwei Köpfen oder eines Gnupis, der Schlitten fährt (zugegebenermaßen nur mit sehr viel Fantasie). Oder noch eine, die täuschend echt nach einem Rabmarac aussieht. Aus reiner Gewohnheit will Kekeck sich an seinen Freund Bashi wenden, um ihn darauf hinzuweisen. Seine Einsamkeit überwältigt ihn erneut, wie ein Stich mitten ins Herz.

„Ssssie fehlen mir alle ssso sssehr ...“, schluchzt er.

Ein Windstoß vertreibt die Wolken und gleichzeitig auch Kerubims Kummer. Der Himmel ist nun tiefschwarz, passend zu der heftigen Wut, die den kleinen Eca erfüllt.

„Pah! Und ssselbst wenn mich alle im Tempel verstosssen, ssso wie Bashi! All dasss war eh ssseine Schuld! Wenn er mich nicht zum Ungehorsssam gezwungen hätte! Wenn er mich nicht gezwungen hätte, dasss Croc Nesss anzugreifen, dann hätte ich noch mein Fell! Und wäre jetzt bei meinen Freunden ...

  • TA TA TA! Was ist dasss für ein Geräusch?

Kerubim schreckt hoch. Kein Laut erklingt aus den nächtlichen Schatten um ihn herum. Nur der Wind in den Zweigen der majestätischen Astaknyden durchbricht hin und wieder die völlige Stille.

„Das ist nicht anständig, andere für seine Fehler verantwortlich zu machen! Sicherlich hat auch Bashi seinen Teil beigetragen, aber du doch auch, mein Junge ...“
„Wer issst da? Ich … Ich sssehe niemanden!“
„Neben dem Gnupi, du Glückspilz!“

Endlich sieht er ihn. Oder genauer gesagt ... er sieht MICH. Ein paar Wolken haben sich zusammengefunden, um mein (liebliches) Antlitz zu zeichnen.

„Hö?! Ecaflip!“
„Wie er leibt und weht! Ich merk schon, die Deinen haben also ihre Koffer gepackt ... Kannst du dir vielleicht vorstellen, warum?“
„Ich wurde auf bössssartige Weise verflucht!“
„Ach ja? Und warum das?“
„Na .. Ähm … Ich weisss nicht ... Wüssste ich auch gerne!“
„Brauchst ja nur fragen. Schau mal her ...

Ein weiterer Windstoß vertreibt mein Gesicht und ersetzt es mit dem von Kerubim. Und zwar mit seinem wahren Aussehen.

Erstaunt bemerkt der kleine Eca, dass dieses Spiegelbild ihn in genau diesem Moment zeigt. Als er sich bewegt, bewegt es sich auch. Er streicht sich über sein eigenes Fell, um sich zu vergewissern, dass dies kein Traum ist. Nein! Seine Pfotenballen berühren sein kostbares und seidiges Haar. Einmal mehr findet sich ein Lächeln auf seinem Gesicht ein.
 

„Was siehst du?“
„Ich sehe einen Ecaflip, der sein Fell zurück hat! OH! Und der wieder richtig sprechen kann!“
„Ach, wirklich? Ich nicht.“
„Hö?“
„Ich sehe einen leichtsinnigen jungen Schüler, der ziemlich überheblich ist und sich ruhig ein paar Fragen mehr stellen könnte ...“
„Das versteh ich nicht ...“
„Hör mir mal gut zu, mein lieber Kekeck. Ich habe dir dein schönes Fell geraubt. Und ich habe dir auch diesen albernen Sprachfehler gegeben. Und ich habe auch deine Angst davor verursacht, einmal mehr zurückgewiesen und verlassen zu werden ...“
„Aber ... Das war also nicht Reusty?“
„Jein. Sagen wir mal ... dass ich mich seiner ein wenig bedient habe, um dich und Bashi davon abzubringen, eine so große Dummheit zu begehen. Was mir offensichtlich nicht gelungen ist ...“
Kerubim ist völlig baff. Er versteht die Welt nicht mehr.

„Nach der Warnung musste ich also mit einer Strafe weitermachen, mein lieber Kekeck! Du hast mir keine andere Wahl gelassen. Ich musste dir eine ordentliche Lektion erteilen ... Also habe ich dir deine größten Ängste direkt vor die Schnauze gesetzt!“
„Aber ... Warum habt ihr das denn gemacht? Das war doch total gemein!“
„Weil du mich gestern meiner größten Angst ausgesetzt hast! Weißt du, wovon ich spreche?“
„Ähm ... einen nassen Ouginak riechen zu müssen?“

Kerubim lacht laut auf.

„Sieh an, einen Sinn für Humor hat er auch noch ... Nein, mein lieber Kekeck. Meine größte Angst ist es, dich zu verlieren ...

Kerubim sagt kein Wort.

„Als du Croc Ness ohne jegliche Kampferfahrung angegriffen hast, hast du dich in große Gefahr begeben. Du hast nicht auf die warnenden Worte der Erwachsenen gehört. Du hast den Verboten einfach getrotzt. Du hast unglaublichen Egoismus an den Tag gelegt und gemacht, was du wolltest, weil du überzeugt warst, dass es dir schon gelingen würde. Weißt du, was passiert wäre, wenn ich nicht eingegriffen hätte?“

Kerubim schüttelt mit schuldbewusster Miene den Kopf.

„Du wärst am lebendigen Leib verschlungen worden!“

Der kleine Eca zuckt voller Entsetzen zusammen und schlägt sich die Pfoten vor den Mund.

„Aber ... soll das heißen, dass ...“
„Dass ich dein Schicksal abgewendet habe. Sagen wir mal, ich habe deinen Kampf gegen das Croc Ness ein wenig nach meinem Gutdünken verändert. Normalerweise haben die Götter nicht das Recht, einzugreifen und ihren Adepten zu Hilfe zu kommen. Dass du mein Sohn bist, ändert daran auch nichts. Aber ich konnte nicht einfach zusehen, wie dein Leichtsinn dich in den Abgrund führt. Weil ich tief in meinem Herzen weiß, dass du noch so viel zu erreichen hast in deinem Leben ...“

Kerubim weiß nicht, was er mit sich anfangen soll. Bis zu diesem Moment war ihm die Bedeutung seines Verhaltens nicht bewusst gewesen. Weder die Gefahr, der er sich ausgesetzt hatte, noch die möglichen Konsequenzen. Ganz plötzlich wird ihm klar, wie viel Leid er seinem Gott zugefügt hat, und heftige Schuldgefühle überwältigen ihn.

„Wenn ich mir eine Sekunde ohne dich an meiner Seite vorstelle ... Wenn ich mir die Welt der Zwölf ohne dich darin vorstelle ... Das ist einfach undenkbar, Kerubim.“

Kekeck spürt einen Kloß im Hals und seine Schnurrhaare zittern, während er mehr schlecht als recht versucht, nicht in Tränen auszubrechen.

„Oh, nein! Bloß nicht! Sonst muss ich gleich auch noch weinen ... Und das geht ja mal gar nicht. Hast du schon mal einen Gott flennen sehen?“

Kerubium nimmt seinen flauschigen Schwanz in die Hand und wischt sich damit die Tropfen weg, die an seinen Schnurrhaaren hängen.

„Fortan weißt du, wie es sich anfühlt, das Schlimmste zu erleben, was man sich vorstellen kann. Jetzt kannst du also über die Konsequenzen deines Handelns nachdenken ... Du kannst mir das gerne übel nehmen, aber durch diese Erfahrung hast du etwas dazugelernt, mein lieber Kekeck, davon bin ich überzeugt. Und eine Sache solltest du im Kopf behalten: Ich werde dir nicht noch einmal zu Hilfe kommen können. Dir diesmal das Leben zu retten hat mich meinen Joker gekostet. Und jetzt ab mit dir! Geh zurück zu all jenen, die sich gerade furchtbar Sorgen um dich machen ... Ich habe ein paar Feenwerke damit beauftragt, dir den Weg zu zeigen.“

Mit eingezogenem Schwanz wendet Kerubim sich ab und entfernt sich. In jenem Moment habe ich schon ein mulmiges Gefühl, das gebe ich ehrlich zu.

Als ich sehe, wie mein Kleiner mit hängendem Kopf in der Nacht verschwindet, kommt mir nur ein Gedanke: Ich will ihn einholen, ihn fest umarmen und ihm sagen, dass das nicht so schlimm war, dass alles vergeben und vergessen ist und mir selbstverständlich noch Tausende Joker bleiben. Die ich einen nach dem anderen benutzen könnte, um ihn zu retten. Dass ich mir für ihn den Schwanz oder eine Kralle nach der anderen ausreißen und ganz nebenbei auch noch Ecaflip City verkaufen würde. Aber wäre es vernünftig, ihm das auch zu gestehen? Wäre das wirklich in seinem Interesse?

Sicherlich haltet ihr mich für grausam ... Doch in meinen Augen war das wahrscheinlich der schönste Liebesdienst, den man sich vorstellen kann. Ich habe versucht, mein Fleisch und Blut davon zu überzeugen, sich nicht in zu gefährliche Abenteuer zu stürzen. Ich habe versucht, ihn vor den Gefahren der Welt der Zwölf zu beschützen. Ob das funktioniert hat? Ha, ha, ha! Diese Frage muss ich euch wohl kaum beantworten ...

Denn im Laufe der Jahre hat Kerubim auch mir etwas beigebracht: Man kann jene, die man liebt, nicht ewig für sich behalten ... Sein Missgeschick hat kaum seiner Begeisterung Abbruch getan, sich in Gefahren zu stürzen und besonderen Erlebnissen nachzujagen, aber wenigstens hat es ihn von einer Sache völlig überzeugt: dass ich ihn von ganzem Herzen lieb habe ...